| I. Eindruck
Nähert man sich dem Gebäude, kann man den Eindruck bekommen,
ein kubisches Borg-Raumschiff sei mitten auf einem wallonischen
Acker notgelandet. Hat man erst einmal den Innenraum betreten, stellt
sich eher die Frage, ob M.C. Escher auch als Architekt gewirkt hat
oder zumindest die Architekten dieses gewaltigen Gebäudes beeinflusst
hat. Auf einer Grundfläche von 7500m² erhebt sich ein
Koloss, in dessen Betongerüst 1000t Stahl verbaut wurden und
dessen 3500m² Fensterfläche einst mit mattiertem Glas
versehen waren. Dominieren in den unteren Geschossen noch die zahllosen
Stützpfeiler aus Beton, so prägen ab der 6. Etage die
kreuz und quer verlaufenden Treppen das labyrinthische Erscheinungsbild.
Die 7. Etage mit ihren großen Öffnungen ist die letzte
noch so zu bezeichnende Etage, die 8. und 9. Etage bestehen nur
noch aus Platformen, die fast unter dem Gewölbedach zu kleben
scheinen.
Jede Etage besitzt Durchbrüche zur Aufnahme von Maschinen.
Die Öffnungen sind meistens mehrere Meter groß, es gibt
aber auch zahlreiche kleine Löcher von manchmal nur 10 cm Durchmesser.
In jedem Fall ist ein wacher Blick auf Boden und Decke notwendig
- an vielen Stellen ist an den Betondecken bereits das Stahlgitter
freigewittert, Geländer geben unter einem kräftigen Ruck
nach. Trotzdem ist der Erhaltungszustand der Gebäudesubstanz
noch als passabel zu bezeichnen.
II. Funktion
Die von Bergwerken geförderte Steinkohle liegt immer als ein
Gemenge verschiedener Komponenten vor. Erst durch mehrere Veredelungsschritte
entsteht ein effizient einsetzbares Endprodukt. Einer dieser Veredelungsschritte
ist die Kohlenwäsche, bei der Gesteinsbeimengungen und Kohle
voneinander getrennt werden. Ziel ist eine möglichst reine
Kohle, die dann z.B. von Kokereien abgenommen werden kann.
Wird stückreiche Kohle gefördert, so läßt sich
diese durch manuelle / mechanische Verfahren sortieren. Bei steigendem
Anteil von Feinkohle ist jedoch eine mechanische Reinigung durch
Waschen notwendig. Verschiedene Siebverfahren erbrachten eine Trennung
von Stückkohle und Waschgut. Die Reinheit der Kohle war eines
der Ziele, ein anderes eine ausreichende Entwässerung, um beim
Transport der gewaschenen Kohle keine unnötigen Kosten zu verursachen
|
In der
Nähe des Nebengebäudes befinden sich noch Becken, die
möglicherweise der Entwässerung in Schwemmsümpfen
oder der Reinigung des verwendeten Wassers dienten. Der Boden rings
um die Kohlenwäsche ist unter einer dünnen Grasnarbe schwarz
durch den bei den Reinigungsschritten angefallenen Kohlenstaub.
III. Perspektive: Neunutzung oder Abriss?
1954 mit Geldern aus dem Marshall-Plan fertiggestellt, wurde die
Kohlenwäsche bereits 1969 wieder stillgelegt. Mit dem Niedergang
des Steinkohleabbaus gab es auch für die Kohlenwäsche
nichts mehr zu bearbeiten. Seitdem steht das Gebäude leer und
ist seit 1994 zu einem Streitpunkt über seine weitere Verwendung
geworden. Die Eigentumsverhältnisse waren unklar. Die wallonischen
Behörden stellten die Ästhetik des Gebäudes und die
Symbolfunktion für eine ganze Epoche heraus - allerdings hätte
eine Renovierung rund 12 Mio.€ verschlungen.
Schließlich hat die Stadt Binche das Gebäude für
den symbolischen Preis von einem Franc gekauft und 1997 eine Subvention
für seinen Abriß beantragt. Dazu wurden im Dezember 2000
vom wallonischen Parlament 2 Mio.€ in Aussicht gestellt.
Im Jahr 2001 vollzog sich dann eine Wende: es wurde dem zuständigen
Ministerium vorgeschlagen, die Kohlenwäsche in einer Denkmalschutzliste
aufzunehmen. Die Aufnahme in eine solche Liste hätte zu Folge,
dass der Eigentümer wieder Gelder bewilligt bekommen würde
- dieses Mal aber zur teilweisen Finanzierung der Renovierung. Durch
dieses Verfahren wurde der Abriss vorläufig aufgeschoben.
Nun wurden binnen Jahresfrist konkrete Vorschläge zur Finanzierung
der Renovierung gefordert. Die Planungen haben sich die Entwicklung
im Ruhrgebiet zum Vorbild genommen, die solchen Gebäuden eine
kulturelle Neunutzung beschert haben. Zu diesem Zweck soll sich
eine Gesellschaft des öffentlichen Rechts aus öffentlichen
und privaten Partnern gründen, die die Zukunft der Kohlenwäsche
bestimmen soll. Eine Anfrage an das wallonische Parlament zur Bewilligung
europäischer Gelder wurde bereits gestellt. |