Sanatorium Agra
(März 2008)

Nebel verdeckt die Landschaft und hüllt die Ruine in einen eigenen Mikrokosmos. Kein Mensch ist hier oben zu sehen, man ist allein, die Welt endet dort, wo auch der Blick endet. Und inmitten dieses Szenarios steht ein monumentaler Bau, der nun - wo er allen Schmuckes beraubt nur mehr ein Rohbau ist - mit seinen dunklen Fensteröffnungen und Arkaden auch ein bißchen unheimlich wirkt. Der "Zauberberg" von Thomas Mann könnte hier Gestalt geworden sein.
Und so unähnlich sind sich Fiktion und Wirklichkeit in diesem Fall auch gar nicht. Dieser Ort hat einst Prominenz aus Kultur- und Geisteselite gesehen. Und so erklingt im Kopf noch einmal die merkwürdige Geräuschkulisse aus Konzerten, gepflegten Gesprächen und Husten. Es muß eine seltsame morbide Atmosphäre geherrscht haben, wenn immer wieder Patienten den Kreis der Leidensgenossen für immer verließen.
Auf dem weitläufigen Gelände soll sich auch irgendwo ein inzwischen überwucherter Friedhof befinden für diejenigen, deren Behandlung nicht erfolgreich verlief.

So mag es auch nicht erstaunen, dass Künstler dieses Sanatorium auch immer wieder als Quelle der Inspiration verwendeten:

  • der schwedische Autor Sven Stolpe hat ausgehend von seinem eigenen Aufenthalt 1927/28 einen Roman geschrieben: „Im Wartezimmer des Todes“ (schwedischer Originaltitel „I Dödens Väntrum“)
  • die Lyrikern Margarete Steffin schrieb hier mehrere Bücher und wurde von ihrem Geliebten und Co-Autoren Bert Brecht besucht
  • Erich Kästner weilte hier 1962-64 und schrieb währenddessen das Buch "Der kleine Mann". Notizen aus seinem Aufenthalt finden sich auch in der Sammlung "Briefe an die Doppelschätze"
  • der Zürcher Dokumentarfilmer Theo Stich hat einen aufschlussreichen Film über die Geschichte des Sanatoriums Agra produziert: "Agra – eine deutsche Heilstätte / La casa dei Tedeschi" (SF DRS, 1999).

In einer Zeit, in der es noch keine Antibiotikabehandlung gab, wurden Lungenheilstätten für Tuberkulosepatienten anfangs in Höhenregionen der Berge gebaut. Schließlich erkannte man die negativen Nebenwirkungen dieses Reizklimas und suchte einen Ort, der einerseits reine Luft und andererseits kein Reizklima bot. Oberhalb des Luganer Sees wurde man fündig und so nahm im Jahr 1913/14 die Nebenstelle der "Deutschen Heilstätte Davos" ihren Betrieb auf.
Das Sanatorium erwarb sich schnell einen hervorragenden Ruf und war bis zu Beginn der 30'er Jahre auch ein Ort des politisch-kulturellen Austauschs. Dann begann jedoch auch hier braunes Gedankengut zu wirken. Der Chefarzt und bekennende Nazi Prof. Dr. Hanns Alexander gründete in der neutralen Schweiz eine NSDAP-Ortsgruppe, ließ vor der Klinik die Hakenkreuz-Flagge aufziehen, Hitler-Bilder aufhängen und verweigerte Juden die Aufnahme in das Sanatorium. Er polarisierte Patienten, Mitarbeiter und die ortsansässige Bevölkerung und es erstaunt, dass die schweizerischen Behörden nicht einschritten und ihn tatenlos gewähren ließen.
Nach dem zweiten Weltkrieg war der Ruf des "Deutschen Hauses" aufs äußerste geschädigt und auch dank der inzwischen etablierten Antibiotika-Behandlung waren die Patientenzahlen stark rückläufig. Es diente noch als Luftkurhaus, schließlich wurden Abteilungen geschlossen, Ärzte entlassen und 1969 wurde der Betrieb komplett eingestellt. Da halfen auch die Petitionen nicht, die Stammpatienten nach Bern und Bonn schickten.
Jahrelang verfiel der Bau. Für ein Bauvorhaben mit Geschoßaufstockung , das sich letzlich zerschlug, wurde das Dach abgetragen und nur eine Behelfsabdeckung installiert. Diese ist inzwischen vom Winde verweht und so präsentiert sich das Gebäude heute ohne sein Giebeldach. Zwischenwände im Inneren wurden entfernt, die Patientenzimmer sind nur noch zu erahnen.
Inzwischen (2008) gibt es wieder Pläne zum Umbau zu einer Wellness-Oase. Es bleibt abzuwarten, was daraus wird. Alle Investitionen sind daran gekoppelt, die alte Bausubstanz zu erhalten und die Räumlichkeiten zumindest in Teilen der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Weiterführender Link:
Spiegel-Online: "Unheilbar Deutsch"

 

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Historische Aufnahme#gallery 4a3adeeb-d120-4447-a117-86cc7e2b8a7e